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Dietmar

FG-Meeresaquaristik Berlin-Brandenburg

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Mittwoch, 9. Oktober 2013, 18:51

Die Ostsee im Aquarium

Ein Ostseeaquarium entsteht

Im Gegensatz zur tropischen Seewasseraquaristik ist unsere heimische marine Pflanzen- und Tierwelt aquaristisch kaum erschlossen. Das ist sehr bedauerlich, denn hier gibt es genau so spektakuläre Lebensformen wie sie die Tropen beherbergen. Der Pflegeaufwand kann durchaus eine Herausforderung sein, denn einige Pflegebedürfnisse sind nicht so richtig bekannt oder durch falsche Vorstellungen geprägt. Besonders bei der Kultur der Pflanzen gibt es gewaltige Defizite, bei denen sich der Aquarianer seine Sporen verdienen könnte. Doch in den letzten Jahren gab es auch gewaltige Fortschritte und neue Erkenntnisse die wir durchaus im Heimataquarium nutzen können.

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Auf den ersten Blick unscheinbar, verbirgt sich in den Seegraswiesen eine mannigfache Lebenswelt, die dem oberflächlichen Betrachter verborgen bleiben wird. Doch mit etwas Geduld kann man schon beim Tauchen erste Eindrücke gewinnen und sich Gedanken für die Gestaltung des Aquariums zu machen. Dabei muss man deutlich unterscheiden zwischen den Bewohnern der Sandfläche und der Substrate, die eine deutliche Strukturierung durch Gestein oder Algen und Tange aufweisen. Im Aquarium kann man beides kombinieren oder durch ein Refugium zwei Aquarien aufbauen, die völlig unterschiedliche Einrichtungen beherbergen können.

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Leider ist deutschsprachige Literatur recht wenig vorhanden und veraltet; oftmals viele Anschauungen zur Machbarkeit zum Dogma erhoben worden. Als eine gute Lektüre die Pflanzen- und Tierwelt kennen zu lernen ist die Buchreihe Meer und Museum des Meeresmuseum Stralsund zu empfehlen, die zwar keine Pflegehinweise der Aquaristik beinhaltet aber dennoch durch die Beschreibung der Biotope sehr nützliche Hinweise gibt. Im Internet findet man auf der Website der Fachgruppe Meeresbiologie viele Veröffentlichungen von Meeresaquarianern zu Erfolgen und Misslingen bei der Pflege der Ostseetiere.

Welche Voraussetzungen sind für ein Aquarium zu schaffen?
Im Vorfeld muss man sich klar darüber sein, welche Pflanzen und Tiere man pflegen möchte. Danach richten sich die Planung der Einrichtung und der technische Aufwand, der im Vorfeld den Pflegeaufwand in Grenzen halten kann. Ein Großteil meines Aquariums beinhaltet die Sandzone, die obwohl artenarm, dennoch einen gewissen Aufwand erforderlich macht. Wer ein Aquarium mit Sandbett betreibt, weiß welche Schwierigkeiten eine vernünftige Strömungsgestaltung macht. Ich habe eine Lösung gefunden, die sehr gut für solch ein Aquarium geeignet ist. Sie lässt eine enorme Wasserbewegung zu ohne das Sandbett zu verdriften oder die niederen Tiere an ihrer Entfaltung zu behindern.
Ein Problem ist die Strömungsgestaltung bei einem Besatz mit Seegräsern. Sie dürfen sich nicht verheddern, das Sandbett darf nicht verdriften, Ablagerungen müssen entfernbar sein usw. Mit der Abbildung sehen Sie die Lösung des Problems. Das Sandbett selbst ist in zwei Zonen aufgebaut: Als Grundschicht ein mit Mineralien angereicherter Bereich, der für die Seegräser ein Nährstoffdepot bereitstellt, und einer Decklage ohne Mineralien. Auf und in dieser Decklage graben sich Tiere ein wie die Sandgarnele Crangon crangon, Plattfische wie die Seezunge Solea solea und andere Tiere wie Borstenwürmer und Muscheln. Auch die Sandlückenfauna wird mit der Zeit von Tieren besiedelt, die man bevorzugt aus dem Spülsaum entnimmt; Copepoden, Würmer, Asseln und weitere Tiere gehören dazu. Sie sorgen für Bewegung und Umschichtung der Sandoberfläche und stellen zum Teil Nahrung für die Aquariumbewohner zur Verfügung. Zu beachten ist eine gewisse Einlaufzeit des Aquariums denn durch die niedrigen Temperaturen laufen Stoffwechsel und Besiedlung langsamer als in einem tropischen Aquarium ab. Der Besatz muss aus diesem Grund in mehreren Schritten erfolgen um Verluste zu minimieren. Weiterer wichtiger Bestandteil ist für Seegras der Schlick, der unter der Deckschicht eingebracht sein muss. Schlick ist nicht nur abgestorbenes Material, was durch Bakterien zersetzt wird; Schlick ist mit wichtigen Hefen und Pilzen besiedelt, die für das Seegras unentbehrliche Haltungsvoraussetzung sind. Sie werden überrascht sein, wenn Sie Schlick aus der Seegraswiese entnehmen denn er ist völlig geruchlos und es finden keine Fäulnisprozesse darin statt. Dieses Material transportiere ich in einem Thermosbehälter um das Absterben des Materials zu vermeiden. Auch das Naturwasser beinhaltet Hefen und Pilze- wir wissen so gut wie nichts über deren Einfluss auf biologisch wichtige Prozesse. Wir können aber beobachten, dass bei einer Zugabe auch in einem tropischen Korallenaquarium sich die Tiere viel besser entfalten. Das habe ich viele Jahre mit Ostseewasser im tropischen Aquarium praktiziert und kann diese Methode empfehlen.
Die Beleuchtung ist in einem Aquarium ein wichtiger Bestandteil denn sie hat einige Bedingungen zu erfüllen, die für Pflanzen und Tiere unverzichtbar sind. So muss ein gewisser UV-A Bestandteil vorhanden sein; eine Lichtmenge, die in unseren Breitengraden die der Tropen durchaus erreichen kann; sie sollte dimmbar sein und für unser Empfinden ein angenehmes Licht abgeben. Ich habe mich aus diesem Grund für ein Leuchtmittel entschieden, welches diesen Forderungen und auch der Temperaturbegrenzung entgegenkommt. Es sind Leuchtstofflampen der Fa. NARVA BIOlicht die mit OSRAM 67 im Verhältnis 3:1 kombiniert sind. HQI Lampen sind auch brauchbar, wenn die Deckglasscheibe durch eine Silikatglasscheibe ausgetauscht wird. Zwei größere Lüfter auf dem Lampenkasten sorgen für niedrige Temperatur und eine effektive Oberflächenbelüftung, was zu einer starken Verdunstung und somit zu einer guten Kühlung führt. Damit bin ich bei einem wichtigen Punkt angekommen: Die Temperaturbegrenzung. Wichtig ist in einem Heimataquarium eine recht niedrige Wintertemperatur. Sie sollte für mindestens 4 Wochen im einstelligen Bereich liegen, die Sommertemperaturen dürfen durchaus 25°C betragen, wenn man keine Aktinien pflegt. Bei einer Aktinienpflege wird man Kühlgeräte einsetzen müssen denn die Seenelken fühlen sich schon bei 20°C nicht mehr wohl. Sie öffnen ihre Tentakel erst wieder bei Temperaturen < 15°C. Aber die Actinia equina der auch die Höhlenrose Sagartia troglodytes vertragen höhere Temperaturen besser. Es sind Hartboden bewohnende Tiere und ein kleiner Teil meines Aquariums ist für diese Tiere sowie für Muscheln, Seescheiden, Schwämmen und Schnecken eingeplant. Algen sind für ein solches Aquarium ein weiterer wichtiger Bestandteil. Auch sie stellen bestimmte Ansprüche an ihre Umwelt und es ist nicht immer einfach diese im Aquarium zu erfüllen. Mit Nitrat und Phosphat ist es leider nicht getan- viele weitere Bestandteile und vielleicht auch tierische Organismen sind für die Kultur erforderlich. Zwar entstehen immer wieder kleine Algen; sie entwickeln sich leider nur selten zu größeren Pflanzen.
Der Besatz ist, wie ich schon andeutete, in mehreren Schritten durchzuführen. Der erste Schritt ist das Einbringen der Pflanzen und Niederen Tiere. Schnecken und Garnelen sollten unbedingt zu diesem Schritt gehören. Gerade die Schnecken können Probleme machen denn sie sind bisweilen Träger von Parasiten, denen sie als Zwischenwirt dienen. Diese Parasiten verlassen die Schnecken und leben dann eine Zeit lang als Schwärmer frei im Wasser, wo sie dann von Fischen gefressen werden und in Folge ihrer Entwicklung die Fische schädigen. Werden diese Fische von Vögeln gefressen, entwickeln sich die Parasiten zur Geschlechtsreife weiter. Die mit dem Kot der Vögel ausgeschiedenen Geschlechtsprodukte werden von Schnecken und Copepoden gefressen und der Kreislauf beginnt von vorn. Nur durch die Einhaltung einer vierwöchigen Quarantänezeit unterbricht man diesen Zyklus. Sicherlich kann man sich ein krankes Tier ungewollt einschleppen aber Fische zusätzlich in Quarantäne halten möchte ich nicht. Sollte ein Tier befallen sein, bin ich kaum in der Lage diese Tiere erfolgreich zu behandeln. Auch die Fütterung der Fische stellt hohe Anforderungen denn viele Tiere akzeptieren kein Frost- oder Trockenfutter. Selbst bestimmte lebende Futtertiere werden nur zögerlich gefressen und ein Besatz kann sich bei unterschiedlichem Temperament der Fische als schwierig erweisen. Doch hier sind oftmals Futtermittel des Süßwassers einsetzbar, denn diese Futtertiere sind natürlicher Bestandteil unserer Heimatgewässer.
Der zweite Schritt ist der Besatz mit Fischen und eventuell weitere Tiere wie Borstenwürmer, Substrat bewohnenden Copepoden, Muscheln und weiteren Algenarten. Um Nahrung für Filtrierer bereitzustellen, setze ich neben gezüchtetem Phytoplankton Konzentrate ein, die einen gewissen Anteil an Kieselalgen beinhalten. Aber auch Bakterien werden für die Ernährung der Filtrierer benötigt. Hier sind beispielsweise Microbe lift Produkte einsetzbar. Doch eine ungehemmte Bakterienentwicklung ist zu vermeiden, denn die Fische leiden unter den Stoffwechselprodukten der Bakterien. Aus diesem Grund lege ich Wert auf eine sehr gute Abschäumung, auf eine Wasserbehandlung mit UV-C und einem temporärem Einsatz eines Ozon/Luftgemisches für den Abschäumer. Die Bakterienentwicklung ist bei fehlendem Pflanzenwuchs und steigenden Temperaturen zum Ende der Kälteperiode Ursache für das Sterben von Garnelen und Fischen. Eine Nährstoffanreicherung erkennt man an der Blaualgenentwicklung, die in den Wintermonaten einsetzen kann.
Bei den Fischen bevorzuge ich die Kleinfische der Seegraszone. Dazu gehören verschiedene Stichlingsarten, Grundeln, Seenadeln und kleine Plattfische. All diese Tiere und Pflanzen findet man in Ufernähe und kann sie recht einfach erbeuten.

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Für den Transport werden nur wenige Tiere ausgewählt. Obwohl ein großer Fang verlockend ist, mehr Tiere für das Aquarium mitzunehmen als es vertragen kann, ist hier eine Selektion der schönsten und kräftigsten Tiere besser als viele Tiere zu verlieren. Artenvielfalt im Aquarium und Harmonie des Besatzes sind nicht über Nacht zu erreichen und erfordern viel Geduld. Dazu kommen die noch nicht gelöste Probleme wie befriedigender Pflanzenwuchs und eine ausreichend große Futterpalette bereitzustellen. Auch der Transport der sehr Sauerstoff bedürftigen Tiere erfordert den Einsatz Temperatur stabilisiertem Equipments und Batterie betriebenen Luftpumpen. Nicht zu vergessen einige Liter Wasser sollte man auch noch transportieren um dem Aquarium einen guten Start zu ermöglichen. Es dauert so seine Zeit bis das Fahrzeug beladen ist denn meistens sind die Parkplätze nicht in der Nähe der Fangstelle. Mein Favorit ist ein Zeltplatz auf der Insel Poel, wo ich beste Bedingungen für den Fang der Tiere vorfinde. Die Anpassung der Tiere an die Bedingungen des Aquariums erfolgt langsam unter Beachtung deren Sauerstoff Bedürftigkeit. Abweichende Salzkonzentrationen sind in der Regel kein Problem wenn auch hier eine Adaption langsam erfolgt um Schockzustände zu vermeiden.

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Wer keine Gelegenheit hat Tiere und Pflanzen zu fangen, kann die Möglichkeiten nutzen, die der Delikatessenhandel bietet. Auf den Schalen der Austern und Miesmuscheln findet man oftmals Algenreste und kleine Anemonen, die durch die Transportbedingungen nicht geschädigt sind und durchaus Trockenperioden überleben. Ein erfolgreicher Besatz ist oftmals auch mit diesen Mitteln möglich. Es gibt aber auch einige Importeure die Pflanzen und Kaltwassertiere der Nordsee und des Atlantiks versenden, so dass man eine weitere Quelle hat um an begehrte Tiere heranzukommen.
Ich hoffe Ihnen eine kleine Anregung gegeben zu haben, sich einmal mit einem Aquarium zu befassen, dass sich durchaus als anspruchsvoll erweisen kann. Weitere Erfahrungen mit den Ostseeaquarien finden Sie auf der Internetseite
www.fg-meeresbiologie.de.

Euer Dietmar


Bildquellen
Bild 2: Aufnahme H. Peschel, der sie mir freundlicherweise für eine Veröffentlichung zur Verfügung stellte, Alle anderen Bilder sind meine Aquariumaufnahmen
Signatur von »Dietmar« FG Meeresaquaristik Berlin-Brandenburg

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